Wellness-Wandern im Wattenmeer

Natürlich kann ich bei Ebbe jederzeit im Watt spazieren gehen. Aber für einen Frischling an der Küste ist eine geführte Wattwanderung einfach ein Muss. Es gibt so viel zu entdecken in diesem besonderen Lebensraum mit seiner reichhaltigen Flora und Fauna.

„Große Prielwanderung“, „Kleine Wattwanderung“, „Seehunde voraus“ oder... oder...? Mit dieser Fülle an verschiedenen Themenwanderungen habe ich gar nicht gerechnet. Ich wähle die „Thalasso-Wattwanderung“ zum Sonnenuntergang von Silke Hoffmann...

Warme Klamotten, Mütze, Gummistiefel und rein in die wetterfeste Jacke. Am Abend ist es im Watt sicher frisch. Und der Wind pustet tüchtig auf der freien Fläche. Um 19.45 Uhr ist Treffpunkt am Strandcafé in Döse, unweit der Kugelbake – dem Wahrzeichen von Cuxhaven.

Silke Hoffmann ist schon vor Ort. Die zertifizierte Wattführerin ist ein echtes Küsten-Urgestein. Auch als Nationalparkpartnerin kennt sie das Wattenmeer wie ihre Westentasche. In Cuxhaven geboren, ist die kernige Frau an der Elbe in einem Dorf hinter dem Deich zu Haus. Auf ihren geführten Wandertouren bringt sie Wissensdurstigen Watt, Land und Fluss näher...

Hier in Cuxhaven haben wir einen weltweit einzigartigen Naturraum direkt vor der Haustür.

„Hier in Cuxhaven haben wir einen weltweit einzigartigen Naturraum direkt vor der Haustür“, leitet Silke Hoffmann ihre Watt-Tour ein. In einer Liga mit dem Grand Canyon und dem Great Barrier Reef, zählt das niedersächsische Wattenmeer seit 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe. Über 11.000 Quadratkilometer groß, erstreckt es sich gleich über drei Länder: von Holland über Deutschland bis nach Dänemark.

„Wer weiß denn, was Thalasso bedeutet?“, fragt Silke Hoffmann und nimmt uns mit auf eine kleine Zeitreise: Schon die alten Griechen wussten um die heilsame Kraft des Meeres. Das „Badewesen mit Meerwasser“ wurde in Cuxhavens Geschichte bereits 1816 etabliert.

Thalasso ist ein „Geschenk der Natur“ – eine äußerst gesunde Wohlfühlpackung, die es hier bei uns an der Nordseeküste gibt: Meeresklima, Salzwasser, Schlick, Algen und Sonne. Zutaten, mit einer positiven Wirkung auf Körper und Seele.

Wir spazieren gemütlich durch den Sand in Richtung Watt. Schnell die Schuhe aus, barfuß ist es viel schöner. „Eine Thalasso-Wattwanderung ist ein Vergnügen für alle Sinne“, sagt Silke Hoffmann lächelnd. Unsere Füße genießen im Sand ein zartes Peeling. Unser gesamter Bewegungsapparat – also Knochen, Gelenke, Muskeln – wird automatisch trainiert.

Der Blick in die Weite des Wattenmeeres entspannt unsere Augen. Nahe der Brandungszone atmen wir später die wunderbar salzige Meeresluft. Das reinigt die Nase und ist eine super Kur für Lunge, Bronchien und Atemwege, lernen wir. Unser Immunsystem wird gestärkt. „Der Heileffekt wirkt in sieben Tagen bis drei Wochen. Wer hier eine Nordseekur plant, fragt am besten einen Arzt.“

Unterwegs im Watt staune ich, was der Meeresboden so alles in sich hat: Auf einem Quadratmeter tummeln sich unzählige Kieselalgen, tausende von kleinsten Krebsen und Schnecken, unzählige Muscheln und Würmer. Reichlich Nahrung für Millionen von Zugvögeln, die hier auf ihrem Flug ins warme Afrika gerne einen Zwischenstopp einlegen.

Von den Wattwürmern stammen übrigens die sandigen „Spaghetti-Häufchen“, die wir überall im Watt sehen. Nur im Schlickwatt finden sich ihre Ausscheidungen nicht an der Oberfläche. Ein Warnsignal für Wattwanderer: hier besteht die Gefahr zu versinken...

Die kleinen „Bauarbeiter“ sind für das Wattenmeer ganz wichtig. Ein Wattwurm schichtet pro Jahr etwa 25 Kilogramm um. Dabei verdaut er organisches Material und lässt gereinigten Sand wieder raus. Dabei reichert er den Wattboden mit Sauerstoff an.

Mittlerweile sind wir an der Elbmündung angelangt. Große Containerschiffe und Ozeanriesen ziehen nicht weit entfernt vorbei – alles wirkt „entschleunigt“, wie in Zeitlupe. Mit ihrer großen Grabeforke malt Silke Hoffmann einen großen Kreis in den Wattboden, legt einige Herzmuscheln hinein und bittet um Ruhe...

Nach kurzer Zeit wird es im Kreis lebendig: Die kleinen Herzmuscheln bewegen ihren Grabefuß und buddeln sich eifrig in den Sand hinein. Wer will schon freiwillig Beute für die vielen hungrigen Vögel sein...

Auf dieser Thalasso-Wattwanderung spüre ich „Natur pur“: Schlick auf der Haut, eine frische Nordseebrise in der Nase... Immer wieder lauschen wir Silke Hoffmann gespannt und atmen dabei tief ein. Nahe der Brandungszone sind ja besonders viele Aerosole in der Luft, ganz gesund...

Ein Angler hat sich weit auf die Steine hinausgewagt, dicht am schäumenden Meer. Silke Hoffmann schüttelt verständnislos den Kopf. „Er ist hoffentlich ein Insider und weiß, wie gefährlich es ist, wenn er von den Wellen ins Wasser gerissen wird.“

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Auf dem Rückweg zum Strand gönnen wir uns noch einen exotischen Gaumengenuss: wir probieren hellgrüne Algen. Wie ein salziger Meersalat! Langsam aber sicher geht die Sonne farbenprächtig unter...

Mit einem malerischen Abendhimmel verabschiedet sich das Wattenmeer von uns. Silke Hoffmann auch – nicht ohne vorher Postkarten mit schönen, handgeschriebenen Nordseegedichten zu verteilen. Jeder bekommt ein anderes... Ich kehre ganz beglückt in mein Urlaubsquartier zurück.

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